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HEFT 1

Frank Nussbücker | Die süße Frucht der Eifersucht

 

„Was machst du eigentlich in der Ballettschule?“, hörte Kuchenmüller wie durch einen Schleier. Etwas im Klang der Frauenstimme sagte ihm, dass ihre Frage nicht mehr zu seinem Traum gehörte. Er spürte, wie der dunkle, warme Mantel des Schlafs sich auftat und ihn ausspie in die kalte Welt des Wachseins. Es dauerte noch einen Moment, dann war Kuchenmüller soweit, seine Augen zu öffnen:
Es war dunkel um ihn, über sich erkannte er das Gesicht einer jungen Frau. Die Spitzen ihrer langen, pechschwarzen Haare berührten seine Brust. Es war ein schönes Gesicht, trotz des fordernden Blicks, mit dem es auf ihn herabsah. Es gehörte Susanne, seiner Freundin.

„Was machst du denn nun in der Ballettschule?“, wiederholte Susanne ihre Frage, ihre Augen funkelten ihn an. Nur zu gut kannte Kuchenmüller dieses Funkeln. Es bedeutete das Ende jeglicher Ruhe, bedeutete kreuzverhörartige Fragen, scharfe Fingernägel auf seiner Haut, Schreie, Tränen, Verwünschungen. Susanne war wieder einmal eifersüchtig, offenbar auf eine Ballettschule. Warum auf eine Ballettschule? Sein schläfriges Hirn suchte fieberhaft nach einer Antwort. Er wusste, dass er sie gefunden haben musste, bevor ihm Susanne ihre Frage zum dritten und letzten Mal stellte ... [mehr im Heft]

 

Andreas B. Vornehm | Die Wohngemeinschaft

 

Carolin Schwab sog einen tiefen Zug tabakrauchloser Luft in ihre Lunge hinab und studierte die Inserate. Sie saß nervös in einer Bar an der Schlesischen Straße. Die spätherbstliche Sonne wärmte ihr Gesicht kaum noch. Ihr Milchkaffee war mittlerweile auch kalt. Mit fetten, roten Strichen ihres Lippenstifts markierte sie eine Anzeige in der aufgeschlagenen Zitty.
»Friedrichshain. Wohngemeinschaft sucht individuellen, interessanten und selbstbewussten Menschen. 5 Zimmer, hell. 205 qm Gesamtfläche. Abgezogene Dielen. Großes Bad. Kühlschrank, Gasherd, Waschmaschine, DSL-Anschluss. Zweimal 45 qm Zimmer für jeweils 120 € warm. Interessenten melden sich unter castor@beiderhund.de«

***
Castor Beiderhund konnte einfach gar nicht anders. Er musste jetzt diesen Kontrollgang durchführen, um sich persönlich davon zu überzeugen, ob er soeben alles richtig gesehen hatte. Er verließ sein Medienzimmer, das ein Stockwerk über der Wohngemeinschaft lag und kletterte leise die Leiterkonstruktion in die darunter liegende Kammer seines scheinbaren WG-Zimmers herunter.
Von dort aus betrat er zögerlich den Hausflur. Vorsichtig bewegte er sich durch den Korridor. Er schlich über den Teppich, als liefe er über ein Minenfeld. Immer wieder unterbrach er seine Bewegung, um in den Korridor hinein zu lauschen. Hinter der nächsten Ecke rollten kleinere Schallwellen aus dem Zimmer von Maik Lotterkress die Wände des Flurs entlang. Unter der Tür flackerte ein mattblauer Schimmer hervor, der von der sarkastisch nölenden Stimme Harald Schmidts begleitet wurde. Beiderhund war nervös. Er schluckte dauernd zwanghaft, ein die Kiefer zusammenkrampfender Schluckreflex, seine Muskeln im Rachenbereich arbeiteten im Akkord. Castor wollte es nicht glauben, dass er in seinem Medienzimmer Zeuge einer unglaublichen Konfrontation geworden war. Konnte es sein, dass er die Dynamik seiner experimentellen Studien unterschätzt hatte? Vielleicht war er einer Sinnestäuschung erlegen? Jetzt zum Beispiel glaubte Beiderhund, die Strahlung des TV-Geräts, den Ansturm der elektromagnetischen Wellen gegen die Tür drücken zu sehen.
» Ah, Ruhe bewahren. Du hast alles unter Kontrolle. Und schluck nicht so blöde wie ein Pawlow'scher Hund, verdammt «, zischelte er leise vor sich hin. Wie zur Antwort röhrte im Zimmer von Maik Lotterkress der Philips ein mehrhalsiges Lachen aus seinen Lautsprechern.
Weiter hinten im Flur – aus der Richtung, die Rudolf Meyer-Sloeterdyck bewohnte – hörte Castor ein Rumpeln.
Vielleicht sollte er doch erst den Weg in die Küche antreten und vorsichtshalber das japanische Haiku Pro-Deba-Küchenmesser an sich nehmen? Fünfzehn Zentimeter extrem harter, hochkarbonhaltiger Stahl konnten nie schaden – und vielleicht noch einen Schnaps dazu. Für alle Fälle! ... [mehr im Heft]

 

HEFT 2

Gabriela Reichert | Wichtige Brücken

 

Am Morgen: An meiner Küchendecke habe ich einen neuen Wasserfleck entdeckt, gleichzeitig klingelte es an der Wohnungstür Sturm.

Ich habe gefragt, wer da ist, aber niemand hat sich zu erkennen gegeben. Da mache ich die Tür nicht auf, daran ist nicht zu denken.

Mit meinen Kindern habe ich seit ewigen Zeiten ein Klingelzeichen vereinbart.


Am Mittag: Mein Sohn sagt, dass die Zeugen Jehovas wahrscheinlich vergessen hatten, dass sie an meiner Tür bereits bekehrt worden waren, dann sei es ihnen wieder eingefallen und sie seien schnell abgehauen.

Meine Tochter meint, ich hätte Recht daran getan, die Tür nicht zu öffnen, schließlich sei ich stark und pfiffig, aber mit meinen 75 Jahren nicht mehr der Jüngste.

Sie haben gute Laune und mutmaßen abwechselnd, wer ansonsten an meiner Tür gewesen sein könnte. Sie witzeln über die GEZ, die Postzusteller und den Vermieter.

Es sind gute Kinder, die mich mit Stolz erfüllen. Als Vater habe ich meinen Teil dazu beigetragen. Selbständig, gebildet und wach sitzen sie vor mir.

Nur, sie sind wieder einmal unbedacht, sie räumen meinem Leben nicht hinlänglich Aufmerksamkeit ein. Wieder einmal ist der Graben spürbar.


Am Nachmittag: Der Käsekuchen steht auf dem Tisch, meine Tochter gießt den Tee ein. Es wird ein nettes Beisammensein werden. Nur denke ich: Es ist an der Zeit, eine Brücke zu schaffen. Meine Kinder sollten das Alter erreicht haben, eine schwierige Geschichte zu verkraften.

Bedeutsam schreite ich zum Fenster und schaue, was draußen zu sehen ist. „Was sagt euch der Name: Uwe Barschel?“, frage ich unvermittelt und wende mich ihnen zu.

Beide schauen sich fragend an. Meine Tochter sagt: „1987“, mein Sohn ergänzt: „Ministerpräsident“.

„Welche Partei?“, will ich wissen.

„CDU“, weiß mein Sohn.

„Gegenspieler war?“

„Björn Engholm, SPD.“ Dieses Mal war meine Tochter schneller.

„Was wisst ihr noch?“, frage ich.

Beide einigen sich, dass es lange her ist. Sie beginnen zu puzzeln: Schleswig-Holstein, Landtagswahl, politische Zersetzungs-Kampagne von Barschel gegen Engholm.

Mir fehlt der Schwung: „Wo ist Barschel gestorben?“

„Genf!“

„Wie und warum?“

„Selbstmord, Mord, alles unklar, jedenfalls ist er in der Badewanne ersoffen“, sagt mein Sohn und schiebt sich den Rest vom Käsekuchen in den Mund.

„Wo ist Uwe Barschel geboren?“, frage ich betont langsam.

„Berlin“, weiß meine Tochter, sie ist Journalistin.

„Genauer!“, fordere ich.

Schweigen und Grübeln folgen.

Meine Tochter will wissen, worauf ich hinauswill. Sie wird sich in Geduld üben müssen.

„Täubchen?“, frage ich, „wie hieß der Vater von Uwe Barschel mit Vornamen?“

„Entschuldige, aber ich kann dir auch nicht sagen, wie sein Hund hieß.“ Sie kichert und auch mein Sohn ist erheitert.

„Der Hund hieß Cäsar“, sage ich schlicht und erobere mir das nötige Maß an Aufmerksamkeit zurück ... [mehr im Heft]

 

Maggy Bartscher | Abgedreht

 

„Und warum bist du hier?“

Ich zuckte erst zusammen, dann mit den Schultern. Dass ich dank eines unkonventionellen Coachs hier stand, würde ich auf gar keinen Fall zugeben.

„Ich war einfach neugierig… Ich arbeite bei einer Bank – da möchte man manchmal etwas anderes erleben …“, erklärte ich leichthin.

„Bei einer Bank?“ Doris klang misstrauisch. „Am Schalter?“

„Stellvertretende Direktorin einer Filiale“, entfleuchte es mir, bevor mein Gehirn so richtig auf Trab kam. Innerlich duckte ich mich, das war bestimmt der falsche Text gewesen.


War es auch. Doris ließ mich recht bald stehen. Ein paar der anderen aus Gruppe 3A gingen auf Distanz, ein paar siezten mich sogar, obwohl sich am Set sonst alles hemmungslos duzte.

Gerald, ein beleibter Typ in knittrigem Möchte-gern-Business-Look und Hornbrille, redete noch mit mir, immerhin. Er erklärte mir, dass er ja nur hier sei, um den Kontakt zur Basis aufzufrischen. Er habe das alles nicht nötig. – Er gab ein paar Geräusche von sich, die Beethovens Fünfte, gespielt von einer Posaune, hätten sein können. Er sei Psychoanalytiker.

Oh, da habe er bestimmt viele Mandanten aus der Branche, warf ich ein.

„Dazu schweigt der Dichter“, so Gerald.

Ich schwieg auch, achselzuckend, sah mich weiter mit mäßigem Interesse in dem geräumigen Zelt um. ‚Kontakt zur Basis', das hätte auch von meinem Coach sein können. „Sie müssen Ihre Berührungsängste zum sogenannten ‚gemeinen Volk' abbauen, die Menschen sehen, nicht immer nur ewig klamme Darlehensnehmer“, hatte der Coach doziert. Und war mit dieser abstrusen Idee um die Ecke gekommen, ich solle als Komparsin mitwirken ... [mehr im Heft]


 

HEFT 3

Frank Nussbücker | Meine Jugendweihe

 

... »Sind wir also zwei, die es auf Gaby abgesehen haben.« Lattes Stimme klang hart und unerbittlich.

Was soll Gaby schon von mir wollen, hätte ich erwidert, wäre ich nüchtern gewesen. So aber hörte ich mich sagen: »Sieht ganz so aus.«

»Eine schwierige Lage«, konstatierte Latte.

»Kannst du laut sagen.«

Um Himmels Willen, was taten wir hier?

Latte wollte Offizier werden. Er kannte jede Schlacht des Zweiten Weltkriegs, als wäre er dabei gewesen. Er liebte den Krieg, sofern er für eine gute Sache geführt wurde – und mit ehrlichen Mitteln! Fairness war ihm oberstes Gebot, egal ob im Krieg, beim Handball – oder jetzt, bei unserem Kampf um Gabys Gunst.

»Ich hab schon länger ein Auge auf sie geworfen«, brummte er. »Heute wollte ich es klar machen, aber ich muss schon sagen, Hut ab! Das hatte Klasse, wie du mir dazwischengefunkt hast.«

Ich nickte, als gehöre dies zu meinen täglichen Übungen.

»Wir machen das wie Ehrenmänner, klar«, zerschnitt Lattes Stimme die Luft.

»Klar!«

»Ab sofort sprechen wir sie nur noch zusammen an. Wir bringen sie gemeinsam nach Hause, tragen abwechselnd ihre Mappe, quatschen sie auf dem Schulhof nur an, wenn wir beisammen sind! So lange, bis sie sich entschieden hat, wen von uns beiden sie nimmt, in Ordnung?«

»In Ordnung!« ... [mehr im Heft]

 

H.S. Eglund | Abwasserbehandlung oder Günters Flug in die Sonne

 

Es klingelte. Ich lief in die Küche, zum Monitor der Überwachungskamera, eingelassen in die Dunstabzugshaube, exakt in Augenhöhe. Vor meiner Wohnungstür stand Günther, Nachbar aus dem zweiten Stock. Sein Gesicht war durch die schlechte Optik verzerrt. In einer Hand hielt er eine Ledermappe, in der anderen ein Handy. Er hielt es vor die Linse wie der Exorzist das Kruzifix.

»Mach auf, du Scheißkerl«, stieß er heiser hervor. »Ich will dir in die Augen sehen.«

Seine Worte klirrten, das lag am Lautsprecher unterm Monitor, billiges Zeug. Ich sagte:

»Kommen Sie später wieder. Ich bin beschäftigt.«

Seine Augen verengten sich, wurden Schlitze eines Spähpanzers.

»Du kannst mich nicht abwimmeln«, zischte er. »Ich kenne meine Rechte!«

»Lassen Sie sich von meiner Sekretärin einen Termin geben.«

»Schnauze, Mann! Du kannst mich nicht wie Dreck behandeln.«

»Sie sind Dreck, alles klar?!«

»Nix da! Du wirst mich anhören, und zwar sofort!«

Ergeben drehte ich das Bild ab, ging zur Tür und legte den Riegel zurück. Triumphierend drückte mir Günther das Handy unters Kinn:

»Ist das deine SMS, Freundchen?«

Ich brauchte nicht hinzusehen. Er grunzte.

»Eh, du Dreckskerl. Was glaubst du, wer du bist?«

»Dein Pate«, knurrte ich.»Du kriegst Eingliederungshilfe, und das Amt hat mich zu deinem Paten bestellt. Ich habe die Gesetze nicht gemacht.«
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Oliver Bauer | 99 mal geht's gut

 

Jetzt liege ich hier am Rand der Straße mit dem Bauch nach unten, mein Kopf flach auf dem Asphalt. Verzerrt erkenne ich matschige bunte Blätter, weggeworfenes Fastfoodpapier, Zigarettenkippen und einen vermutlich leeren Einwegkugelschreiber. Einige Minuten entfernt von zu Hause. Dort, wo sich in diesen trüben Herbsttagen die Zufluchtstätte für ein wenig Behaglichkeit befindet. Ich hätte den Ofen angeheizt, einen Kaffee gemacht und mich wahlweise vor dem Fernseher auf mein rotes Sofa gelümmelt oder mir die letzten einhundertfünf Seiten von Joe R. Lansdales »Akt der Liebe« durchgelesen. Nach dem momentanen Gefühl zu urteilen, wäre wohl der Fernseher meine erste Wahl gewesen.

Es ist nicht mein ganzes Leben, welches an mir vorbeizieht, es sind die letzten elf Stunden. Die Zeit, die zu diesem Punkt, dem vermutlichen Endpunkt meines Lebens, geführt hat. Bis ins kleinste Detail scheint mein Gedächtnis diese Stunden noch einmal abzuspielen.

Ich spüre ein Flackern meines Bewusstseins und das Anschwellen der Schmerzen. In meinem Inneren ist scheinbar alles durcheinander geraten. Die Organe, Knochen, ja selbst die einzelnen Zellen sind miteinander verschmolzen. Nichts hat mehr seinen ursprünglichen Platz inne. Es ist mir nicht möglich, nachzuschauen. Jedwede Bewegung ist ausgeschlossen, selbst die Erinnerung an einen Körper, meinen Körper, der sich bewegen konnte, ist absurd.

Am Beginn des Tages war alles wie immer gewesen: Aufstehen, Kaffeetrinken, Waschen, Anziehen. Kurz nach dem Waschen, während der rechten Socke, klingelte das Telefon.

»Hallo?«

»Hallo du.«

»Hey, Nora, mein Stern. Ist alles in Ordnung? Du hörst dich so zaghaft an.«

»Ich bin schwanger.« ... [mehr im Heft]

 

HEFT 4

Stefan Strehler | Taxiblues

 

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»Bitte fahr an dem Haus vorbei. Nicht stehen bleiben, bitte. Wahrscheinlich werden wir beobachtet. Sie sind immer da. Nicht umdrehen. Auf den Dächern, in den Nachbarhäusern. In der Nähe. Sie sind immer da.« Sie kichert wieder. »Stört es dich eigentlich, wenn ich dich duze? Schau, da vorne, am Ende der Straße ist ein Wendeplatz. Da kannst du halten.«


Ich nicke einfach mit dem Kopf.
»Und nun?«


»Ich spüre es, sie sind da.«

»Wer sind sie

»Die Ganoven vom Geheimdienst. Manchmal arbeiten sie mit meinem Mann zusammen, meistens gegen ihn. Es ist sein Karma, im Zentrum der Kräfte und gleichzeitig ohnmächtig zu sein. Er muss aufpassen, dass er nicht von ihnen zermahlen wird. Ich habe das begriffen, als ich die Angst in seinen Augen sah. Ich blieb stehen und berührte ihn nicht. Seine Angst verwandelte sich in Erleichterung.«


Ich stoppe den Wagen auf dem Wendeplatz. Ich weiß nicht was das hier soll. Ich schaue sie an. Sie sieht ganz und gar nicht wie eine Verrückte aus. Nur ihre Augen blitzen gefährlich. Sie hat vielleicht zu viele seltsame Bücher gelesen. »Okay, wie geht es weiter?«


»Den Koffer. Du musst jetzt den Koffer holen.«

»Ich, wieso ich?«

»Ich kann nicht. Sie dürfen mich nicht sehen. Außerdem darf ich nicht klettern. Ich hab mir letztes Jahr den Arm gebrochen, ich kann den Koffer mit großer Mühe gerade so hochheben.«


»Wieso klettern

»Du kannst nicht zur Tür hinein. Der einzige Schlüssel, den ich habe, steckt von innen. Du musst von hinten, über die Terrasse des Nachbarn. Da steht ein Fenster offen.« ... [mehr im Heft]

 

H.S. Eglund | Feindliche Übernahme

 

Wilson hatte einen Zettel auf meinen Schreibtisch gepinnt: Zieh dich warm an, Bruder stand darauf, in krakeliger Schrift, eigentlich eine Zumutung, diese Legastheniker. Von Wilson selbst keine Spur. Ich ging zur Personalabteilung, doch die war schon ausgeräumt, das erledigte ab sofort München. Ich rief in München an. Dort ging ein Anrufbeantworter ran, eine flötende Frauenstimme: Ab sofort ist Lyon zuständig. From now on we operate from Lyon. Ich hockte am Firmentelefon, mir konnte alles egal sein, also wählte ich Frankreich, 0033. Eine fispelige Männerstimme meldete sich:
»Bonjour. Was kann ich für Sie tun?«

»Ich wollte wissen, wo mein Kollege Wilson ist.«

»Sie sitzen in unserer Berliner Dependance?«

»Ja. So nennt man das hier wohl.«

»Monsieur Wilson ist entlassen. Und Sie sind es auch.«

»Ich, wieso ich?«

»Nun, Monsieur Flemming, Sie sind doch Monsieur Flemming? Wir haben die Aktienmehrheit an Ihrem Unternehmen gekauft. Wir geben den Berliner Standort auf.«
Mir verschlug es die Sprache. Bis eben war ich ein erfolgreicher Endvierziger, aufgestiegen ins untere Management. Ich hatte ein Büro, das ich mir mit Wilson teilte, ich hatte ein eigenes Telefon und sogar eine persönliche E-Mail.
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Maggy Bartscher | Nachwehen eines Ausstellungsbesuchs

 

»Lass uns etwas zusammen unternehmen, wenn ich bei dir bin, ja?« hatte sie vorgeschlagen. Doppelter Fehler! Er war gekränkt, zum einen, weil sie action wollte, statt gemütliche Zweisamkeit mit ihm zu genießen. (So seine Lesart. Sie pochte auf das verwendete zusammen, bis er diesen Vorwurf fallen ließ.) Zum anderen hatte sie nicht zuhause gesagt. Vielmehr »wenn ich bei dir bin«. Quasi zu Besuch. (Da half auch das zusammen nicht!) Ein hässliches Telefonat, das beide gerne verdrängten.

Er hatte in Vorbereitung ihres ‚Besuchs' in Berlin VIP-Karten für die »Melancholie« besorgt, eine Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie. Sie kam zwar müde aus Frankfurt an, hatte sich aber über die Idee gefreut, »Mal was anderes.« ‚Blöde Kuh!', schilt sie sich nun selbst. Sie hätte wissen müssen, dass Carl sich bei dem Thema in Gedankenwelten verlieren würde, die ihr nicht zugänglich waren. Sie setzt Wasser für die Spaghetti auf, der Topf knallt ungewollt heftig auf die Herdplatte. Auch ihre Stimme ist lauter als intendiert: »Was genau hat dich an diesem Bild so fasziniert, dass du von nichts anderem mehr reden kannst?« ... [mehr im Heft]

 

HEFT 5

T.A. Wegberg | Berauschende Mittel

 

Wir folgen handgemalten Schildern mit verschlungenen Symbolen in Neonorange, die man nur dann als Wegweiser verstehen kann, wenn man weiß, wonach man sucht. Die Straße führt durch einen Wald. Es ist noch hell – im Juli sind die Tage lang –, aber die Bäume stehen so dicht, dass sie viel vom letzten Sonnenlicht verschlucken. Dann führt uns das leuchtende Mandala nach rechts, noch tiefer in den Wald hinein. Das Festival findet auf einem ehemaligen Flugplatz statt, gleich neben Nirgendwo. Früher haben hier die Russen ihre Maschinen starten und landen lassen, aber dieses Wochenende bebt der Boden unter den Beats von Goa und Psytrance. Gleich sind wir da. Meine Vorfreude schlägt Saltos.
Mitten auf der Straße steht etwas Leuchtendes. Ich gehe vom Gas. »Ach Scheiße, die Bullen«, stöhnt Joschi. Ein Uniformierter in reflektierender Warnweste schwenkt seine Kelle langsam auf und ab. Weiter hinten stehen ein paar Mannschaftswagen, und auf der Wiese ist sogar ein großes Zelt aufgebaut. Da laufen noch mehr grüne Männchen rum. Einer von ihnen macht mir Zeichen. Ich rolle im Schritttempo auf ihn zu und lasse die Scheibe runter.
»Schönen guten Tag, Polizeimeister Jürgen Wisselbach von der Wache Pritzwalk, allgemeine Fahrzeugkontrolle, bitte mal Ihren Führerschein und die Fahrzeugpapiere.«
Der Typ ist noch ziemlich jung, vielleicht Ende zwanzig, und dass er ein bisschen nervös wirkt, macht mich wiederum ruhiger. Ich brauch ja auch keine Angst zu haben: Ich hab nichts getrunken, nichts geraucht, der Wagen ist nicht geklaut, Joschi ist nicht illegal eingewandert und der Führerschein gehört wirklich mir.
Wenn da bloß nicht diese fünf Pillen in meiner Hosentasche wären.
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Oliver Bauer | Das (beinahe) Joy Debakel

 

In den nächsten Stunden werde ich fluchen, angstvoll betteln, von Unruhe getrieben hin- und herlaufen, meine Liebe bekunden, doch vor allem fluchen.
Begonnen hatte alles mit der Botschaft meiner Freundin, die den wundervollen Namen Ricarda trägt, dass ihre über alles geliebte und einzige Tante Bianca in zwei Wochen 50 Jahre alt wird. Zu diesem Ereignis gäbe es natürlich ein großes Fest mit Familie und Freunden.
Meine Antwort war geprägt von außerordentlicher Trockenheit und einem Grad von Nüchternheit, der weit unterhalb der Null-Promille-Grenze lag: »Was schenkt man denn da?«
Dafür bekam ich sogleich die Quittung: »Das ist ja wieder typisch! Ich erzähle dir was für mich außerordentlich Wichtiges und Emotionales – und du, du reagierst gar nicht darauf, sondern wirst gleich wieder so, so geschäftlich! Du kennst doch Tante Bia. Du hast selbst gesagt, du magst sie. Da wäre doch eine normale Reaktion ein sich Freuen über das Geburtstagsfest oder die Frage nach dem, was wir ihr alles schenken könnten. Nein, du stehst roboterähnlich da und fragst qualvoll: ‚Was schenkt man denn da?’ Wie so ein gefühlloser Klotz. Nnnnnnnnnnrrrrrrrr!«
Sie schüttelte sich bei dem letzten Laut, nachdem sie mich vorher nachgeäfft hatte.
»Ja, du hast recht, Liebste. Ich freue mich über den Geburtstag«, versuchte ich mich zu retten. Sie wehrte meine letzte Äußerung hilflos mit den Armen ab.
Sie merken schon, dass mir hin und wieder das nötige Einfühlungsvermögen fehlt. Zumindest in meiner Beziehung zu Ricarda. Dafür hat sie eine Menge davon – und ich die Muße, sie als meine Mentorin zu betrachten, jedenfalls ab und zu.
Nach einer Weile des Schweigens, langsamer Annäherung und offenherziger Liebesbekundungen, kamen wir wieder auf das Thema Geburtstag von Tante Bianca.
Das Geschenk stand schon fest. Was mich erleichterte, vorerst. Es hieß Joy. Es war kein Pudel, kein Spielzeug für eine heiße Liebesnacht und auch nicht der Fitnessratgeber für die reife Frau.
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Stefan Strehler | Komm, Vogel, flieg

 

Eines Tages im Herbst winkte er anders als sonst zu mir herüber. Ich stieg gerade aus dem Auto, als er laut »Hey, Nachbar« rief. Ich reagierte nicht sofort, er wiederholte seinen Anruf. Etwas unwillig näherte ich mich dem Zaun.

»Nachbar, komm, rüber. Ich muss dir was zeigen.« Mir gefiel seine Art nicht, aber ich folgte ihm und wechselte auf seine Seite. War es mein schlechtes Gewissen oder einfach meine Neugier? Ich war dankbar für eine Abwechslung. Der Sommer war vorüber und ich fürchtete mich vor der Eintönigkeit des bevorstehenden Winters. Ich war gespannt, was Gustav mir zeigen wollte.

Er führte mich über die Auffahrt zu seinem nun aufgeräumten Schrottplatz. Dahinter öffnete er langsam das Tor einer Garage.
»Schau mal da hinein«, wies er mich an. Ich starrte ins Halbdunkel und versuchte etwas zu erkennen. Auf dem Boden lag ein totes hundähnliches Tier mit einem buschigen Schwanz.

»Was ist das?«, fragte ich Gustav. Er seufzte. »Sieht aus wie ein Fuchs. Hat sich hier sein letztes Plätzchen gesucht. Dachte erst, er schläft. Aber er ist tot.« Er tippte mit seinem rechten Stiefel leicht gegen den Kopf des reglosen Tieres. »Jetzt muss ich ihn irgendwie wegschaffen.« Er schloss das Garagentor wieder zu und schaute mich an. »Ist dir mal aufgefallen, Nachbar, dass auf deinem Dachboden ein Marder lebt?«

»Ich dachte immer, es sind Mäuse.«

»Wenn du willst, dann könn’ wir den Marder im Winter, wenn Schnee liegt, beobachten. Da sehen wir, wo er ein- und aussteigt. Ich schieß auf ihn, dann biste ihn los.« Wir gingen langsam die Auffahrt entlang, zurück zum Grundstückstor. »Komm Nachbar, heute trinken wir einen. Man find nich alle Tage einen toten Fuchs in seiner Garage. Ich erzähl dir, wie ich mal ein Wildschwein geschossen hab, das in deinem Garten herumschnüffelte. Das war vielleicht ein Riesenschwein.«
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HEFT 6

Andreas B. Vornehm | Blue Monday

 

Walter Wawro verbrachte von Sonntag auf Montag eine unruhige Nacht in seiner Schöneberger 160 qm großen Altbauwohnung. Während sich vor dem Haupteingang des großbürgerlichen Wohnpalastes in den Ceciliengärten ein zum Personenschutz abkommandierter Straßenpolizist aufraffte, routiniert seine wachsamen Runden zu drehen, nahm eine Sturmfront die östlichen Teile der deutschen Hauptstadt krakenartig mit den blauadrigen, wild zuckenden Tentakeln elektrostatischer Entladung in ihren Würgegriff und tobte auf die Berliner Mitte zu. In Sekundenschnelle wurde der nächtliche Lichterglanz, der wie eine zu zarte Schutzhaut über der Stadt lag, von einem Ozean tintenschwarzer Wolken verschluckt. Während sich der Polizeibeamte schließlich schutzsuchend in den Hausflur zurückzog, flackerten zwei Stockwerke höher diverse Leuchtdioden der häuslichen Elektrogeräte in Walter Wawros Wohnung nervös vor sich hin, bevor sie wie Sternschnuppen verglühten. Der Personenschutz fluchte über das Unwetter und die lange Nacht, die noch vor ihm lag, derweil sich Walter Wawro mit einem Albdruck auf der Brust in seinem Bett hin und her wälzte. Vielleicht schlichen sich die atmosphärischen Störungen über den Dächern in seinen Schlaf ein und tobten mit Windstärke 10 durch die Träume, die wohl Grund seiner nächtlichen Unruhe waren. Wie auch immer, Stunden später, am Montagmorgen erwachte Walter Wawro schlechtgelaunt aus den Wirrnissen seiner Träume und erlebte dabei sein blaues Wunder: ... [mehr im Heft]

 

T.A. Wegberg | Mit offenen Armen

 

Simon hat nicht darauf geachtet, was draußen vor sich geht – es ist immer laut und unruhig auf dem Schülerklo. Aber als er in der Kabine nebenan unterdrücktes Kichern, Poltern und Schaben hört, beginnt sein Herz zu hämmern. Plötzlich bricht entfesseltes Gelächter los, genau über ihm. Simon hebt den Kopf und zuckt zusammen: Lukas und Hannes grinsen über die Trennwand hinweg zu ihm runter, sie müssen auf irgendetwas draufgeklettert sein. »Ey, guck mal! Der Emo kackt ab!«, kichert Hannes. »Ja klar, der hat Schiss«, erwidert Lukas höhnisch.

Simon bleibt reglos sitzen. Was bleibt ihm anderes übrig? Wenn er jetzt aufspringt, wird seine Erniedrigung nur umso größer. »Haut ab, ihr Arschgesichter«, faucht er, aber die beiden bleiben auf ihrem Posten und lästern weiter. Wie gewöhnlich reden sie über ihn, als sei er gar nicht vorhanden – als sei er eine lächerliche Witzfigur aus einem Handyvideo, nur dazu geschaffen, für ein bisschen derbe, geschmacklose Unterhaltung zu sorgen. Als sie endlich verschwinden, bleiben ihm nur zwanzig Sekunden bis zum nächsten Klingelzeichen, und er weiß, dass er zu spät kommen wird. Das gibt Ärger. Der Arndt nimmt Pünktlichkeit sehr genau.

Den Anpfiff seines Deutschlehrers lässt Simon schweigend über sich ergehen. Er wüsste nicht, womit er sich verteidigen könnte. Als er sich auf seinen Platz setzt, sieht er, wie Lukas Sarah etwas zuflüstert, während sie ihrerseits Simon anstarrt. Ihr Gesicht verzieht sich zu einem hämischen Grinsen. Simon kann sich denken, wovon Lukas ihr da berichtet. Er senkt den Blick auf sein Buch und strengt sich an, das Zucken seiner Mundwinkel unter Kontrolle zu halten. Jetzt loszuheulen wäre sozusagen tödlich.
... [mehr im Heft]

 

 

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